Fiktive Orte

Wie mein erster, spielt auch mein zweiter, demnächst erscheinender Roman mehrheitlich an einem fiktiven Ort. War es in „Zu keiner anderen Zeit“ ein Landgut in Mähren, so ist es in „Jederstadt“ – genau: eine Stadt. Reales Vorbild von „Jederstadt“ ist das schlesische Brieg, heute Brzeg, im südwestlichen Polen gelegen.

Ich will es gleich gestehen: Ich habe Brzeg (noch) nie besucht. Als Inspiration für mein Roman-Städtchen diente mir vor allem historisches Bildmaterial, das ich in Büchern und im Internet fand. So sind Rathaus und Ring kolorierten Ansichtskarten von Brieg nachempfunden, und die Oder-Brücke, die im Roman auftaucht, geht auf historische Fotos des Brieger Originals zurück. Schliesslich stimmt auch die Lage Jederstadts, ziemlich genau in der Mitte zwischen Breslau und Oppeln, mit derjenigen Briegs überein.

Das Rathaus von Brieg auf einer historischen Ansichtskarte
(weitere Impressionen)

Von diesen Äusserlichkeiten abgesehen – es sei hier betont, damit keine Missverständnisse entstehen –, ist Jederstadt mitsamt seiner Geschichte reine Fiktion, eine Erfindung der Autorin, angereichert mit historischen Fakten, die ihnen Authentizität verleihen sollen.

Damit ein historischer Roman funktioniert, ist es nämlich nicht entscheidend, dass es dessen Schauplatz wirklich gegeben hat, sondern dass es ihn so oder ähnlich hätte geben können. Dagegen hat ein fiktiver Spielort für die Autorin oder den Autor entscheidende Vorteile: Der Fantasie sind weniger Grenzen gesetzt. Dinge, die sich in der Realität an unterschiedlichen Orten ereigneten, können im Roman an einen einzigen Schauplatz verlegt, die Wesensmerkmale einer Epoche in einem überschaubaren Kosmos dargestellt werden.

Im Falle von „Jederstadt“ ist es die Epoche des Dritten Reiches, von der erzählt wird. Dass es eine fiktive Kleinstadt ist, in der die Geschichte spielt, war ein bewusster Entscheid. Denn während es über Berlin, Hamburg oder München zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft unzählige Bücher, Filme und Dokumentationen gibt, ist über das Leben in Kleinstädten weit weniger bekannt. Dabei war zu jener Zeit noch mehr als ein Drittel der Deutschen in kleinen oder zumindest kleineren Städten zuhause.

Ob es mir gelungen ist, Jederstadt als eine von ihnen zu zeichnen, muss ich dem Urteil der Leser*innen überlassen. Ob das Rathaus in Brzeg noch steht, gedenke ich, bald einmal nachzuprüfen.

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