Nagende Fragen (1)

Als Jugendliche habe ich zwischenzeitlich erwogen, mich an einer Gesangskarriere zu versuchen. Ich bereue nicht, es nicht getan zu haben. Aus mir wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit maximal eine zweite Sopranistin in einem mittelmässigen Opernensemble geworden und nicht die Primadonna, die zu werden ich mir erträumte.

Dennoch frage ich mich in seltenen Momenten, ob mir nicht einfach nur der nötige Wille gefehlt hat, ob ich nicht hätte werden können, wovon ich träumte, wenn ich es nur ernsthaft genug versucht hätte.

„You can get it if you really want“, sang einst Jimmy Cliff und setzte damit ein Motto in Musik, das weit über seine Heimat Jamaica hinaus Menschen bewegte und bewegt. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Motto ist mir nicht besonders sympathisch, stempelt es doch alle, die an ihren Träumen scheitern, als Versager*innen ab, und dies, obwohl sattsam bekannt ist, dass es zum Reüssieren auf dieser Welt in den meisten Fällen sehr viel mehr braucht als blosse Willenskraft.

Talent und Fleiss, zum Beispiel, aber auch ein förderndes Umfeld, finanzielle Ressourcen und, last but not least, das berühmte „Vitamin B“, das fast jedem und jeder mit irgendeiner Form von Karriere schon einmal ein Türchen geöffnet hat (ja, mir auch).

Dass man mit Willenskraft allein ein*e grosse*r Künstler*in wird, gehört ins Reich der Legenden. Doch wie liegen die Dinge, wenn zumindest ein gewisses Talent und einiges an Unterstützung vorhanden ist? Lässt sich mit ausreichendem Willen wenigstens der Unterschied zwischen Durchschnitts- und Hochbegabung wettmachen? Oder auf mein persönliches Beispiel gemünzt: Hätte es mit genügend Biss nicht vielleicht doch zur einen oder anderen grossen Rolle gereicht (nötigenfalls als Zweitbesetzung)?

Wie auf alle kontrafaktischen Fragen wird mir auch auf diese niemand eine Antwort geben können. Aber vielleicht ist es ja auch die falsche Frage. Vielleicht müsste man viel eher fragen, was es braucht, damit man überhaupt einen so starken Willen in einer Sache entwickelt.

Die grosse britische Autorin Hilary Mantel sagte unlängst in einem Interview mit dem „Magazin“ des Tages-Anzeigers: „(…) ich wusste, dass die Entscheidung, zu schreiben, mein Leben retten würde. Ich hatte nie Zweifel, dass ich eines Tages veröffentlicht werden würde.“ Und weiter: „(…) mit sechzehn wusste ich bereits, dass ich etwas erreichen und mich auf die eine oder andere Weise auszeichnen würde.“ Interviewer: „Dass Sie im Leben nicht scheitern würden.“ Mantel: „Mehr als das. Dass ich meinen Namen in die Welt einschreiben würde.“

Nimmt man diese Aussage zum Masstab, kann man schlussfolgern: Vor dem Willen kommt die Selbstüberzeugung. An der hat es mir in Bezug auf das Singen nun tatsächlich gemangelt. Darum lebe ich letztlich auch ganz gut damit, mich gegen eine Gesangskarriere entschieden zu haben.

Hilary Mantel besass sie übrigens völlig zurecht. Ihre Trilogie über Thomas Cromwell, mit der sie gleich zwei Mal den renommierten Booker-Prize gewann, gehört meines Erachtens zum Besten, was es in der Rubrik „Historischer Roman“ gibt. Unbedingte Leseempfehlung!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s