An den Abhängen der Literatur

Bei der Lektüre von Nicole Seiferts 2021 erschienenem Sachbuch „Frauenliteratur“ bin ich auf den Begriff „Höhenkammliteratur“ gestossen. Anders als ich, kennt Wikipedia den Begriff offenbar schon länger und definiert ihn, Stand heute, wie folgt: „Unter Höhenkammliteratur, auch Hochliteratur genannt, versteht man die anerkannte, in Schule und Wissenschaft als hochstehend angesehene Literatur. (…) Der Begriff wird als Gegensatz zur Trivialliteratur (…) und zur reinen Unterhaltungsliteratur verwendet.“

In ihrem sehr lesenswerten Buch zeigt Seifert anhand zahlreicher Beispiele auf, wie literarisches Schaffen von Frauen über Jahrhunderte systematisch abgewertet wurde, mit dem Ergebnis, dass die erwähnte Hochliteratur in der Vergangenheit fast ausschliesslich mit Werken von Männern bestückt war – Frauen meines Jahrgangs (1974) mögen nur an ihre Schullektüre denken – und in der Gegenwart nach wie vor überwiegend von Autoren (explizit ohne * und „innen“) geprägt ist.

Wie Seifert am Rande bemerkt, dominieren die Frauen dagegen traditionell im Bereich der Unterhaltungsliteratur, welche – wieder gemäss Wikipedia – die „mittlere Qualitätsebene“ der Literatur darstellt. Angelehnt an den Begriff des „Höhenkamms“ könnte man also formulieren: Auf den Gipfeln der Literatur sind die Männer, an ihren Abhängen die Frauen in der Überzahl.

Zu den Gründen für dieses Phänomen äussert Nicole Seifert sich nicht – beziehungsweise nur indirekt. Ihr Buch, das sich primär mit der Hochliteratur und dem darauf basierenden literarischen Kanon befasst, macht deutlich, dass in vielen Verlagen und Feuilletons nach wie vor eine Tendenz vorherrscht, den schriftstellerischen Erzeugnissen von Frauen mit Skepsis zu begegnen, sie bestenfalls als unterhaltsam, schlimmstenfalls als trivial einzustufen. (Womit wir dann, gewissermassen, in der Talsohle der Literatur angelangt wären.)

Die weibliche Dominanz im Bereich der Unterhaltungsliteratur mag folglich daher rühren, dass Werke von Frauen ungleich häufiger das Etikett „mittelmässig“ angehängt bekommen als Werke von Männern. Oder auch daher, dass Frauen sich in vorauseilendem Gehorsam lieber selbst in die „Unterhaltungsecke“ begeben, als sich von Kritiker*innen sagen lassen zu müssen, dass sie mit ihren „Frauenbüchern“, die dummerweise in den meisten Fällen auch noch von „Frauenthemen“ handeln, auf den Kämmen der Hochliteratur nichts zu suchen haben.

Als Autorin, deren Bestreben es bisher war, gute Unterhaltungsliteratur zu verfassen – ein Widerspruch in sich, wie ich, Wikipedia sei Dank, jetzt weiss –, wäre mir eine andere Erklärung natürlich entschieden lieber. Zum Beispiel die, dass Autorinnen halt einfach besser unterhalten können als Autoren. Oder die, dass es sich an den sanften Hängen der Unterhaltungsliteratur schlicht besser liest als auf dem steinigen Grat der Hochliteratur.

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