Nagende Fragen (2)

Ich lese gerade (zum ersten Mal – „shame on me!“) den englischen Klassiker „Jane Eyre“, den mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Das Buch ist eine wunderschöne Sonderausgabe, welcher unter anderem eine Kurzbiografie der Autorin beiliegt. Dieser ist zu entnehmen, dass Charlotte Brontë Vieles und gerade das Schwere, das sie in ihrem Roman beschreibt, aus eigener Erfahrung kannte.

Die Lektüre konfrontierte mich mit einer weitere „nagenden Frage“ des Schriftsteller*innen-Daseins: Muss man erlebt – präziser vielleicht: erlitten – haben, worüber man schreibt, um grosse oder zumindest gute Literatur zu schaffen? Oder anders formuliert: Entsteht nur aus selbst Erlebtem und vor allem Erlittenem grosse respektive gute Literatur?

Ich bin nicht belesen genug, um diese Frage hier anhand von konkreten Werken bzw. Autorinnen und Autoren abhandeln zu können. Aber sie treibt mich ja auch nicht aus literaturwissenschaftlichem Interesse um, sondern aus persönlichem. Denn wäre die Antwort darauf ein uneingeschränktes Ja, müsste ich wohl mit Schreiben aufhören, ist mein bisheriges Leben doch insgesamt eher unspektakulär und (glücklicherweise!) weitgehend leidensfrei verlaufen.

Nun könnte man argumentieren, bei historischen Romanen, wie ich sie schreibe, stelle sich die Frage überhaupt nicht, weil man Dinge, die (weit) in der Vergangenheit liegen, gar nicht selbst erlebt haben kann. – Aber so einfach ist die Sache nicht.

Charlotte Brontë hat mit „Jane Eyre“ ja auch keine Autobiografie verfasst, sondern eine erfundene Geschichte mit eigenen Erfahrungen angereichert. Ebenso gut könnte eine heute lebende Autorin ihre Erlebnisse in einer Geschichte verarbeiten, die im 19. Jahrhundert oder im Mittelalter angesiedelt ist, wenngleich sie den Kontext dafür natürlich stärker anpassen müsste als Brontë, die ihren Roman in der Epoche spielen lässt, in der sie selbst lebte.

Die „nagende Frage“ lässt sich mit dem Verweis auf das Genre meiner Wahl also nicht aus der Welt schaffen. Aber vielleicht lässt sie sich mit dem Verweis auf zwei Fähigkeiten relativieren, die dem Menschen von Natur aus eigen sind: Fantasie und Empathie. Dank ihnen sollten auch Schriftsteller*innen, deren Leben wenig Stoff zur Fiktionalisierung bietet, in der Lage sein, spannende Geschichten zu erfinden und Figuren zu erschaffen, mit denen die Leser*innen mitfühlen, mitleiden, mitlachen können.

Ob auch auf diese Weise Weltliteratur wie „Jane Eyre“ entstehen kann, darüber mögen andere sich die Köpfe zerbrechen. Mir genügt die Hoffnung, dass es zumindest für einen gelungenen Schmöker reicht.

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