Zwitschern aufs Geratewohl

Ich weiss nicht, warum Vögel zwitschern. Ich vermute, sie tun es, um ihren Artgenossen etwas mitzuteilen, vielleicht sogar, um sich auf Vogelart mit ihnen zu unterhalten. Bei Menschen, die zwitschern – auf gut Neu-Deutsch „twittern“ –, verhält es sich ähnlich. Auch sie senden Botschaften an andere Menschen, und in gewisser Weise führen sie sogar Unterhaltungen mit ihnen.

Allerdings ist es eine spezielle Form der Unterhaltung, die auf Twitter vonstatten geht. Man könnte es ein Gespräch ohne Gegenüber nennen, soll heissen: ohne Gesprächspartner*in, der*die einem gegenüber steht oder, lieber wohl, sitzt. Auf Twitter „unterhält“ man sich bestenfalls mit einem Foto oder einem Avatar, virtuell halt.

Dennoch gefällt frau sich darin, witzige Bemerkungen in die Runde zu zwitschern, gewichtige Kommentare zur Weltlage abzugeben oder wie die Blog-Autorin nicht ganz so Gewichtiges zum Thema Schreiben in ihr Handy zu tippen. Abgesehen von allfälligen direkten Adressaten oder „Followerinnen“ (früher hätte man sie „Abonnentinnen“ genannt), wissen Twitternde nicht, an wen sie sich eigentlich wenden, oder ob ihre Botschaften überhaupt von irgendwem aufgefangen werden.

Bei inzwischen fast 230 Millionen aktiven Twitter-Nutzenden kommt so ganz schön viel „Zwitschern aufs Geratewohl“ zusammen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich mag Twittern. Es ist eine sehr unterhaltsame, anregende, bisweilen auch lehrreiche Sache. Das Twitter-Universum ist voller kluger „Threads“ (gemeint sind Serien von Tweets) zu den unterschiedlichsten Dingen, und mit dem richtigen Hashtag (#) lassen sich in Sekundenschnelle Informationen zu allen möglichen wichtigen und weniger wichtigen Themen finden, die von den „Mainstream-Medien“ kaum beachtet werden.

Hinzu kommt: Auf Twitter sprüht der Witz. Manche „Memes“ (die Twitter-Form der Karikatur) sind zum Tränen-Lachen, und es gibt nichts Lustigeres, als TV-Übertragungen von Fussballspielen oder des neuesten Tatort zeitgleich auf Twitter zu verfolgen. Für Sprachliebhaber*innen und Schreibbegeisterte wie mich ist Twitter überdies ein wunderbarer Übungsplatz: In 280 Zeichen schlagfertig und geistreich zu sein und obendrein noch rasch, elegant und fehlerfrei zu formulieren, ist eine Herausforderung, die Unsereiner fast nicht ausschlagen kann.

Kurzum: Twittern ist toll. Es hat nur einen Haken: Auch in Unterhaltungen ohne Gegenüber erwartet man eine Antwort. So sind wir Menschen nun mal. Wir wollen gehört werden. Folglich greifen wir alle paar Sekunden zum Handy, um zu sehen, ob ein Like, ein Retweet oder gar eine echte Antwort auf unser Gezwitscher eingegangen ist. Oftmals tun wir es vergebens. Wer nicht Dutzende Follower*innen hat oder das Glück, von einer gut vernetzten Person (im Social-Media-Land „Influencer*in“ genannt) retweetet zu werden, zwitschert meistens ins Leere.

Für die überwältigende Mehrheit der Nutzer*innen hat Twittern somit die unangenehme Nebenwirkung, dass sie ständig an ihre Unbedeutendheit im Universum erinnert werden, was dazu beitragen mag, dass es neben viel Witzigem und Klugem leider auch sehr viel Hässliches und Dummes auf Twitter gibt.

Was also tun?

Das Twitter-Profil löschen, wäre eine Variante. Follower*innen kaufen, eine andere.

Wem keine der beiden Varianten behagt, der*die muss sich mit dem Prinzip Hoffnung begnügen – oder mit dem alten Grundsatz: „Gut Ding will Weile haben.“ Übersetzt ins Twitter-Universum bedeutet dies: Fleissig Follower*innen sammeln und Tweets schreiben, die so unwiderstehlich sind, dass das potenzielle, virtuelle Gegenüber nicht anders kann, als darauf zu reagieren.

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